WOLF KALZ

Die Gesichte der KassandraDie Gesichte der Kassandra
– Ein zeithistorisches Vademekum –

296 Seiten, Paperback.
ISBN 978-3-925171-74-1
Federsee-Verlag 2008

14,00 EUR

Da den Zeithistorikern unserer Landsleute korrekte Moral dermaßen am Herzen liegt, sollten sie das himmelschreiende Mißverhältnis zwischen einer Moral, die sie predigen und einer, die täglich aller Welt vorgelebt wird, nie aus den Augen verlieren. Das nämlich geriete ihnen zu einer Erkenntnisquelle ersten Ranges über den Homo politicus, welche Spezies sich um die Wende zum dritten Jahrtausend auf allen Ebenen der Staats- und Privataffären in so schändlicher Weise offenbart, daß den Betrachter das Grausen befällt, wem da die Völker ausgeliefert sind. Deshalb gilt, wenn man wie die Zeithistorie sich anmaßt, über vergangene Epochen den Stab zu brechen, die Maxime: Um herauszufinden, ob etwas einzigartig ist, muß man vergleichen.

Damit bestreitet der Autor den ersten Teil seines Zeithistorischen Vademekums. Der zweite Teil wendet sich dem Schicksal des deutschen Volkes in Gegenwart und Zukunft zu, beschäftigt sich mit der politischen Klasse des Systems und mit deren Eingebundenheit in den Komplex Europa. - Requiescatis in pace! Ruhet in Frieden! Nur wenige spüren, was sich da schon vollzog und was sich zu eines jeden Tages Neige mehr noch vollzieht.

 

Rezension

Ein Lichtenberg für heute

Wer sich heute Aufklärer heißt, geriert sich in der Regel nach der Manier der Dunkelmänner von gestern.
Wer dagegen argumentiert, ist deshalb kein Gegenaufklärer, sondern ein wirklicher Aufklärer im Stile Georg Christophs Lichtenbergs, dessen spritzige und bissige Aphorismen dem Verständnis für die Philosophie seines Zeitgenossen Immanuel Kant den Weg bahnten.
 
Einer der berühmten Aphorismen Lichtenbergs lautet: „Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.“ Das neue Buch von Wolf Kalz „Die Gesichte der Kassandra“ will die sehr vielen Menschen von heute aufrütteln, die nur lesen, ohne nachzudenken. Er nennt es im Untertitel „Ein zeithistorisches Vademekum“. Die Pharmaka sind „historisch-politische Aphorismen“.
 
Die reale Lage von heute, die ausweglos erscheint, hat eine lange Vorgeschichte. Die Gründe für ihre ungehemmte Entwicklung und Ausbreitung sind mannigfaltig. Einer der wichtigsten ist ihre Begleitung durch eine Entleerung und Umdeutung aller Begriffe, die dem Wort jeden Sinn nehmen. Wer die Lage heute als ausweglos sieht, findet sich mit dem Untergang ab, weil er nicht versteht, was um ihn herum vorgeht. Die Beschleunigung der Niedergänge durch den amerikanischen Finanzsturz verleiht dem neuen Buch von Kalz eine Aktualität, deren Brisanz im Frühjahr, als es erschien, so noch gar nicht abzusehen war.
Wer auf die Glanzzeit der französischen Aufklärung zurückblickt, kann feststellen, dass ihre Wirkung weniger von voluminösen Werken ausging als von den Pensés und Aphorismen von Pascal, Montaigne, La Bruyère, Vauvenargues bis zu Montesqieu. Offenbar konnten die Denkfesseln, die Frankreich von der engstirnigen Gegenreformation mit Vertreibungsapplomb und einem feudalen Absolutismus, der Repräsentation nur als Selbstdarstellung kannte, angelegt wurden, von Gedankenblitzen und Passagensprüngen nachhaltiger gelöst werden. Das ist sicher auch der Fall in unserem Zeitalter, das sehr viele Menschen zu gedankenloser Übernahme ideologischer Formeln verleitet.
 
Dies wird noch von der um sich greifenden Vermassung gesteigert, in der nur wenige Zeitgenossen über ein intaktes Erinnerungsvermögen verfügen oder fähig sind, systematischen Darstellungen zu folgen. Noch mehr aber von der Ahnung, dass die Zeit für eine Neubesinnung drängt und kaum noch Platz lässt für langwierige und tiefgründige Studien. So könnte die Lektüre dieses Vademekums für das Denken eine wahrhaft befreiende Wirkung ausüben. Vor allem deshalb, weil die Gedankenblitze und Passagensprünge in ihrer solitären Prägnanz den trendsettenden Meinungsmachern keinen Anhaltspunkt bieten, sie als neofaschistisch auszugrenzen.
 
Die 603 historisch-politischen Aphorismen von Wolf Kalz haben ihren eigenen Drall aus dem Umstand, dass sie auch eine gewisse Selbstbefreiung ihres Verfassers bezeugen. Im Gegensatz zu seinem „deutschen [sic!] Requiem“ von 2006 lassen die „Gesichte der Kassandra“ die Zukunft als offen erscheinen. Sie beschreiben die Lage in allen Bereichen nicht weniger düster und entsetzlich, doch erwecken sie bei Lesern, die sie zum Überlegen veranlassen, mobilisierende Kräfte durch Verweise auf echte Historie und konkretes Denken.
 
Ein Neuanfang kann nicht allein einsetzen, wenn alles zusammenbricht. Er muss auch flankiert werden von der Erkenntnis der gesamten Niedergänge, die dazu geführt haben. So lautet der Aphorismus 599: „Die Lage rät zu einem Königsweg, der wäre: Die Gesellschaft löse die Residuen des ‚Staates’ auf und konstituiert sich als ein deutscher Staat neu.“ Ihm folgen nach vier Aphorismus als „Nachwort“, in dem wieder vom drohenden Untergang die Rede ist, der aber von dem subtilen Konjunktiv relativiert wird: „Also spräche Kassandra.“
 
Nun möchte ich aus der Fülle der Aphorismen noch drei Beispiele für Aktualität der Texte zitieren. In Nr. 416 steht: „Was sich heute der ‚Staat’ nennt, ist in seinem Bestand für gewöhnlich nur mehr die Arena für die zu Kollektiven gebündelten Individualinteressen, deren durch die Lobby insinuierten Forderungen es ungeachtet des Gemeinwohls zu befriedigen gilt. Die Forderungen sind überwiegend monetärer Natur, oder sie gelten der Auflösung solcher Normen, Gebote und Gesetze, welche bisher einer libertär ‚freien Entfaltung des Individuums’ noch Grenzen setzen ...“ Nr. 421 lautet: „Man wird sich damit abfinden müssen, dass in einem System institutionalisierter Verantwortungslosigkeit das durch den Liberalismus hervorgerufene Dilemma eines wertentblößten, gemeinschaftsfeindlichen Individualismus, sprich Anarchonihilismus, mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu lösen ist.“ Und am Ende von Nr. 422 lesen wir: „Das System, es begeistert nicht. Der eklante Mangel an staatsethischer Gesinnung sowie der Opportunismus und die Habgier seiner Wirtschafts-und-Politoligarchen machen Misstrauen zur Bürgerpflicht.“
 
Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen ballte sich das Misstrauen zu einem Erdbeben, als die CSU bei der bayerischen Landtagswahl ihre absolute Mehrheit mit einem Verlust von um die 17 % der Stimmen verlor. Ein Rutsch, wie es ihn in der BRD bisher nicht gegeben hat. Wolf Kalz traf mit seinem Vademekum nicht nur ins Schwarze, sondern auch den richtigen Zeitpunkt. Die Bürger müssten es ihm aus den Händen reißen. Er hat mit den Aphorismen auch die ihm gemäße Form gefunden, deren Vorläufer ich in den letzten Jahrgängen der „Staatsbriefe“ unter dem Titel „Schalmeien und Rapiere“ mit dem preußischen Pseudonym Wolf von Quitzow abdruckte.

Dr. Hans-Dietrich Sander in: „Neue Ordnung“ 3/08.