Studie und Gestalt 203 Seiten, überwiegend Farbfotos
Federsee-Verlag, Bad Schussenried 2006
"Per aspera ad astra!" (Durch den Staub zu den Sternen!) - unter diesen Leitsatz hat Wolf Kalz sein Werk gestellt. Mit "Studie und Gestalt" legt er nun einen Werkbiographie vor, in dem er einen Großteil dessen versammelt, was er in Jahrzehnten an Kunst und Kunsthandwerk geschaffen hat. Im Verlauf der Jahre entstand so ein abwechslungsreiches Werk, das nebst einem biografischen Anhang und angereichert durch Aphorismen des Autors zu "Kunst und Künstlerschaft" in diesem Katalog vorgestellt wird.
(Rotary-Magazin 9, 2007)am 10. November 2006 in der Galerie der Stadt Riedlingen
Wer die Exponate von Wolf Kalz sieht, wird über die handwerkliche und künstlerische Qualität einerseits und über die Thematik der einzelnen Objekte andererseits erstaunt sein. Fragen wir zuerst nach der Formensprache und Qualität des Werkes. Der Künstler lehrte bis 1995 am hiesigen Kreisgymnasium Deutsch und Geschichte und hat keine eigentliche berufliche Ausbildung als Künstler genossen. Man fragt sich daher: Woher sein Können?
Die ersten Anregungen für handwerkliches Arbeiten erhielt Wolf Kalz als Zwölfjähriger in der Kunstgewerblichen Werkstatt seiner Eltern in Vilseck in der Oberpfalz, wohin die Familie 1945 von Wien aus geflohen war und dort eine neue Existenz aufbaute, nachdem der Vater als Volkswirt und Offizier, die Mutter als Schriftstellerin ihre Berufstätigkeiten verloren hatten. Die Begabung des Vaters ließ diesen Weg zu, und so lernte der Sohn anderthalb Jahre lang vielfältige Gegenstände zu Gebrauch und Spiel herzustellen. Die Arbeit legte gleichzeitig den Grund zu seiner lebenslangen Freude an handwerklicher Arbeit, zuerst mit Holz, später auch mit anderen Materialien.
Nach Übersiedelung nach Eßlingen am Neckar 1947 setzte Wolf Kalz die durch die Nachkriegsumstände unterbrochene Schulzeit bis zum Abitur fort. Dann machte er eine Lehre zum Industriekaufmann bei der IBM, wandte sich nach deren Abschluß zunächst dem Studium der Philosophie und der Nationalökonomie zu. Doch schließlich überwogen seine Neigungen zur Germanistik, Geschichte und Politik mit dem Ziel, das Lehramt am Gymnasium zu ergreifen. 1962 trat er in den Schuldienst und schloß 1967 mit der Promotion seine Studien an der Universität in Gießen ab.
Eine zweite, eine autodidaktische Ausbildung holte sich Wolf Kalz während seines Auslandsschuldienstes am Deutschen Gymnasium in Santiago de Chile. Dort weilte er mit seiner Familie von 1967 bis 1970. Neben seiner Lehrtätigkeit gewann er Freude an den bei Exkursionen in der Kordillere aufgestöberten schönen Gesteinen. Wie die zu schleifen, zu fassen und zu Schmuck zu verarbeiten seien, das lernte er bei einem befreundeten Juwelier in Santiago.
Zurückgekehrt nach Deutschland, verfolgte er neben seinem Beruf seine Liebhabereien weiter. Deren Ergebnisse wurden 1991 in einer großen Ausstellung in Riedlingen gewürdigt. Dasselbe Jahr geriet aber auch zu einem Wendepunkt in seinem Werk: Das raffinierte Pressefoto eines Models von Gianni Versace weckte in ihm den Wunsch, fortan Kunstwerke fern ihrer unmittelbaren Nützlichkeit zu schaffen. Dies hieß sich einer weiteren Ausbildung zu unterziehen, die Wolf Kalz wieder größtenteils autodidaktisch vornahm.
So befaßte er sich nun ausführlich mit der Anatomie des Menschen, mit dem Aktzeichnen, und er besuchte dafür einschlägige Kurse. Dies führte zu Skizzen und Studien, die wiederum als Vorarbeiten dienten für seine nun figürlichen Gestaltungen aus Holz und Bronze und ab und an aus Silber. Letzteres bedeutete nun, sich ins Gießerhandwerk mit seinen zahlreichen Arbeitsgängen einzuarbeiten. Auch dieses brachte er sich mit Hilfe eines befreundeten Bildhauers mehr oder weniger autodidaktisch bei. Somit war es ihm nun möglich, mit Holz, Metall und Steinen fachmännisch umzugehen, was ihn zu immer weiterer Vervollkommnung antrieb.
Gleichzeitig stand für Wolf Kalz fest, die Arbeit von Künstler und Gießer nicht voneinander zu trennen. Er endete nicht mit der Skizze, sondern er setzte sich selbst mit allen handwerklichen Tücken und Schwierigkeiten auseinander und verwirklichte seine Ideen mit Hilfe eines selbstgebauten Schmelzofens. Von daher erklärt sich unter anderem die in seiner Ausstellung wahrzunehmende Formenvielfalt mit Werken aus Holz, Bronze, Silber, Gold und Edelsteinen. Hinzu kommt die große Perfektion durch ein sich selbst erarbeitetes Können.
Worin sieht Wolf Kalz den Sinn, bzw. die Inhalte seines künstlerischen Schaffens? –Grundlage bilden seine Studienfächer Philosophie, Deutsch, Geschichte und Politik. Sie liefern ihm viele Ideen für sein Werk. Es war besonders das Philosophiestudium, durch das er mit dem platonischen Schönheitsbegriff bekannt wurde. Ein Zitat aus der Fülle der zu seiner Werkbiographie verfaßten Aphorismen über Kunst und Künstlerschaft: „Wenn die Kunst trotz der von der Menschheit mißhandelten Welt nicht zumal Schönes erstrebt, dann taugt sie doch zu rein gar nichts.“
Und:„In der Schönheit nicht nur ein Äußeres, sondern in ihr zugleich einen großen Glanz von Innen als den Abglanz des Guten sehen zu wollen, das entspricht griechisch-platonischer Philosophie, wiedergeboren und gelebt im Deutschen Idealismus als Streben nach dem Wahren, dem Guten und dem Schönen.“ – Wie erreicht Wolf Kalz dieses Ziel?
Zum einen durch die Auswahl der Materialien – erlesene Hölzer und Metalle wie Bronze, Gold, Silber und Edelsteine. Zum anderen durch die Einheit von Form und Inhalt. Wolf Kalz gestaltet menschliche Figuren in ihrer Schönheit und Grazie, in Bewegung und Ruhe, Tiere in ihrer speziellen Eigenart, persönliche und idealtypische Portraits und Abstrakta in ausgewogenen Formen. Die Themen Schmerz, Zerstörung, Explosion, sterbende Pferde und der Tod sind durchaus keine Themen, die wir mit Schönheit verbinden. Doch Wolf Kalz gestaltet diese Themen so, daß wir sie als Bedingungen unserer menschlichen Existenz annehmen. So erleben wir durch die Materialien und die gestalteten Themen Eindrücke, die uns anziehen und die in uns weiterleben, weil wir uns angesprochen fühlen.
Er beantwortet die Frage, weshalb auch für einen heutigen Künstler uralte Erzählungen bedeutsam sind, damit: „Die Mythen der Griechen sind derart sinnreich, daß sie hinsichtlich ihrer Deutungen der Welt modernen Auslegungsversuchen keineswegs unterlegen sind.“ Und:„Die Kunst muß dem Mythos vor der Wirklichkeit jeden Vorzug geben.“
Dies besagt, daß für Wolf Kalz die Helden- und Göttersagen Grundmuster abgeben, welche die menschliche Existenz, ja die Schöpfung beispielhaft zeigen und auf das Wirken göttlicher Kräfte verweisen. Zu bemerken ist, daß der Künstler außer den griechischen und römischen besonders auch die nordisch-germanischen Göttersagen in seine Arbeit einbezieht. Zitat. „Der Mythos ist des Künstlers eigentlicher Quell und Auftrag zu seiner Inspiration. Er wird ihm zum Maß seiner Betrachtung der Zeit, stellt metaphorisch dar, was ist und was sein sollte.“
So wird deutlich: Für Wolf Kalz ist der Mythos nicht nur ein Inhalt seines Schaffens, sondern der Inhalt; er stellt den Rahmen, in dem sich der Künstler bewegen soll. Zitat: „Sie ( die Kunst ) sei frei in allem, jedoch nicht frei von allem.“
Was heißt dies für sein künstlerisches Schaffen ?
Äußerlich gesehen, daß viele Werktitel griechisch, lateinisch, germanisch oder hebräisch lauten. Deren Sinn zu entschlüsseln, ist nicht immer einfach; doch es macht Freude, ihnen nachzugehen, gehören sie doch eigentlich zum Grundbestand unserer Kultur. Inhaltlich heißt dies, daß die Darstellungen nicht eine bestimmte Person, einen bestimmten Gegenstand meinen, sondern jeweils einen Grundtyp: den König, den Schmerz, den guten Geist, den Hochmut, die Würde, den Stolz und so fort. Daß diese Grundmuster menschlicher Existenz sowohl realistisch als auch abstrakt dargestellt sind, möchte ich nur ergänzen. Damit entführt uns die Ausstellung zumal in archetypische Situationen, in denen wir angeregt werden, über uns und unser Sein nachzudenken.
Das Sinnen und Trachten des Wolf Kalz gehört aber auch der Geschichte an und der Politik. Hier ist ihm das Zusammenleben der Menschen, das Staatswesen und die Frage der Herrschaft wichtig. Ausdruck hat dies in mehreren der von ihm verfaßten Bücher gefunden, aber auch in aktiver Mitarbeit in politischen Gremien, und schließlich spiegelt es sich im künstlerischen Werk wider.
So entdecken wir im Katalog unter dem Titel „Vom König“ die Frage nach der richtigen Herrschaft. Antwort darauf geben die Plastiken „Der König“, „Der alte König“, „Der Caesar“ und „Das Zeremonienbeil“. Gedacht ist hier an den Monarchen, der in der Verantwortung vor Gott regiert. Mit der Frage nach einer Staatsverfassung zwischen Naturrecht und Staatsrecht befassen sich die Plastiken „Der Leviathan“, nach dem Buch des Staatstheoretikers Thomas Hobbes, aber auch „Das Gesetz“, „Die Macht“ und „Big Brother“ in Anlehnung an George Orwells „1984“.
Eine dritte Gruppe geht auf wichtige Persönlichkeiten oder Ereignisse aus der Geschichte oder der Jetztzeit ein. Hier denke ich an „Tecumseh“, den Indianerhäuptling, der vergeblich gegen die weißen Eroberer kämpfte, an den „Hererohäuptling“ und die „Frau eines Farbigen“ als Herrscher einer vergangenen Welt. Aber da findet sich auch der „Golem“ als Helfer des jüdischen Volkes oder ganz modern „Ground Zero“, die Katastrophe in New York. Ferner in Schwarz-Rot-Gold: „War‘s das?“ (zur Fußball-WM) und ferner das „Iugum Germanorum“.
Alle drei Gruppierungen zeigen den Menschen nicht nur in Abhängigkeit stehend zu göttlichen Kräften wie in den Mythen, sondern auch in Bezug zu den Mitmenschen und zum Staat, innerhalb dessen der Mensch als zoon politikon wirkt, wie Aristoteles es formulierte. –
Zum Ende dieses Abschnitts gestatten Sie mir eine Schlußbemerkung: Daß Wolf Kalz mit den von mir beschriebenen Inhalten – sei`s Schönheit, sei´s die Welt als göttliche Schöpfung und der Mensch als einem sozial verpflichteten Wesen zu mancher heutigen Kunstrichtung im krassen Gegensatz steht, ist leicht erkennbar. In seinen Aphorismen geißelt er, was diesen Ansprüchen nicht genügt. Dies des weiteren darzustellen, wäre eine Aufgabe, die hier nicht zur Beantwortung ansteht.
Wolf Kalz hat in der Werkbiographie seine darin vorgestellten Werke in 6 Gruppen eingeteilt: Bronzen (96), Steingüsse (9), Holzarbeiten (20), Skizzen und Studien (33), Kunsthandwerk (9), Silber und Gestein (9).
Die Hälfte aller geschaffenen Werke sind die Bronzearbeiten. Diese sind gegliedert in „Menschen in Bewegung“, „Portraits“, „Vom König“, „Tiere“, „Scherz und tiefere Bedeutung“ und „Abstraktionen“.
Auffallend bei den von Wolf Kalz geschaffenenen Bronzeplastiken des menschlichen Körpers sind zumal die Torsi. Durch Torsierung erzielt der Künstler die Spannung zwischen dem Sichtbaren und dem selbständig weiterzuerspürenden Unsichtbaren. So verdichtet der Torso den Blick, oder es ließe sich auch sagen, er öffnet den Blick für ein Ganzes. Solches gilt zum Beispiel für die Figur der Nike, der Siegesgöttin: Deren aufrechte Haltung, ihr siegreiches Vorwärtsschreiten und die Schönheit des weiblichen Körpers sind absolut Mittelpunkt. Dasselbe gilt für die Portraits, wenn wir an das Selbstportrait, an „Der Caesar“ und an die Portraits von „Tecumseh“ und „Kassandra“ denken.
Dazu im Gegensatz stehen die vollständigen Figuren, die in ihrer Ganzheit wirken. Unter denen ist die Hauptfigur zu nennen, die Wolf Kalz immer wieder in Holz und Bronze gestaltet hat und deren Antlitz die Einladung und den Katalog ziert: die „Hoheit“. Während die Figur in Holz durch die nur angedeutete Körpergestaltung etwas Unnahbares – eben Hoheit – erhält, zeigt die Bronzefigur durch mehr Körperhaftigkeit das Herrschende, Befehlende. Sehr lebendig wirken die Menschen in Bewegung, von denen „Balletteuse“, „Athlet“, „Ekstase“, „Tanz“, „Capriccio“ wie Augenblicksaufnahmen wirken, während „Betrachtung“ und „Cogito ergo sum“ innere Ruhe ausstrahlen.
Bedeutsam sind für Wolf Kalz auch die Tiere als gleichzuachtende Geschöpfe. Neben seinem Namensvetter interessieren ihn hauptsächlich Vögel und Sagentiere, wie z.B. Fafnir, der Drache, der den Goldschatz der Nibelungen hütete. Und aus der nordischen Edda sind es der Rabe „Hugin“ als Odins Begleiter und „Güldenkamm“ der Hahn in Ankündigung des kommenden Weltendes.
Eine wunderbare Gruppe ist Wolf Kalz mit den Steingüssen gelungen, da sich hier Inhalt, Form und Aussage offensichtlich als Einheit zeigen. Durch die gezackten Ränder erhalten alle Figuren etwas Augenblickliches, Vorbeihuschendes, was sich in den Gestaltungen unter solchen Titeln wie „Melusine“, „Explosion“, „Im Aufbruch“, Unverhoffte Begegnung“, „Thanatos“ nebst weiteren offenbart.
Bei der drittgrößten Gruppe, den Holzarbeiten, nehmen einige Werke auf Ereignisse der Jetztzeit Bezug wie das schon erwähnte „War‘s das?“ – und das „Iugum Germanorum“ – eine Metapher auf die Unterwerfung Deutschlands unter das Joch der Siegermächte. Doch gehört auch die Bronze „Big Brother“, dumpf die Allmacht des Apparats zum Ausdruck bringend, unter diese Rubrik. Weitere Werke deuten wieder auf Archetypen menschlicher Existenz. Immer wieder wird deutlich – es geht Wolf Kalz um die Darstellung von Bleibendem, von Ewigem im Leben des Menschen und der Erde. Beispiele wären „Hoheit“, „La Conquista“, „Kreisend wie das Sterngewölbe...“ La Conquista zeigt mit dem roten Kreuz auf schwarzer Eiche und goldener Höhlung die Eroberung und blutige Vernichtung der Indianer namens des Kreuzes . . .
Mit den Skizzen und Studien sei die letzte Gruppe der Exponate genannt. Hiervon sind 20 in der Ausstellung zu sehen. Der Künstler schreibt dazu: „Der Reiz einer Skizze liegt nicht in der Vollkommenheit, sondern in dem Reize, den sie auf Auge und Vorstellungsvermögen des Betrachters ausübt, das nur Angedeutete zu vervollkommnen.“– Unter diesem Aspekt findet sich eine herrliche Sammlung ausgearbeiteter Skizzen bis hin zu Strichskizzen mit Rohrfeder, Tusche, Pinsel, die einerseits menschliche Verhaltensweisen zeigen, zum anderen Hieroglyphen und Strukturen.
Damit komme ich zum Schluß: Die heute eröffnete Ausstellung ist eine mit hoher Kunstfertigkeit in Formen gebrachte humanistische Bildung. Dies ist um so beachtenswerter, weil Wolf Kalz sowohl in seinem handwerklichen Können, wie auch in seinen künstlerischen Zielen Autodidakt ist und für sich einen ganz eigenen Weg gesucht und gefunden hat – vielleicht so erfolgreich und eigenwilllig, weil die Akademien so ganz andere Wege gehen.